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Posts Tagged ‘Subtilität’

Wo ich derzeit an der Sekundärliteratur zu meiner Hausarbeit sitze, fällt mir immer wieder auf wie faszinierend Beleidigungen und Seitenhiebe in Fachliteratur eigentlich sind. Als Student bin ich es ja grundsätzlich gewohnt, dass Autoren, besonders im geisteswissenschaftlichen Bereich, gerne in ihren Einleitung mit den Thesen ihrer Vorgänger aufräumen. In der Regel funktioniert das natürlich sachlich (denn wir schreiben ja alle sachlich und objektiv. Nicht wahr?) und auf Argumenten und Daten beruhend, wie in wissenschaftlichen Kreisen sein sollte. Diese Regeln gelten im 20. und 21. Jahrhundert meiner Beobachtung nach sogar noch stärker, da die Arbeitsweise der Wissenschaften immer weiter formalisiert und theoretisiert wird. Weniger nett gesagt: Die volle Beleidigungs- und Diskreditierungskanonade fällt schneller mehr Menschen auf. Also muss man elegant werden, wenn man zumindest ein wenig seine Meinung auslassen will.

Leichter fällt es Autoren da, wenn die Person schon lange tot ist, fiel mir vor ein paar Semestern schon auf. Ich las damals für eine Hausarbeit über Heinrich von Morungen einen wirklich sehr detaillierten und aufschlussreichen Text über die Betrachtung der Minnedame / Frauenfigur in seinen Liedern. Zumindest detailliert bis der Autor seine Aussage getroffen hatte und den Aufsatz innerhalb von zwei Absätzen schloss mit einem Satz, der so in etwa lautete:

Die restlichen drei Strophen sind ödes Minneblahblah von nicht nennenswerter Form und hier nicht mehr von Interesse.

Ich kann das Zitat zwar gerade nicht finden, aber es stand wirklich Minneblahblah drin. Hat mich damals sehr glücklich gemacht.

Die Text, die ich allerdings momentan lese, sind ganz großartig darin auszuteilen und dabei mehr oder minder die Form zu wahren.
Ein Satz, über den ich gestern gestolpert bin:

Der Gehirnzustandstheoretiker erwähnt gewöhnlich (mit einem gewissen Stolz, der ein wenig an den Dorfatheisten erinnert) die Inkompatibilität seiner Hypothese mit allen Formen des Dualismus und Mentalismus.

Hierbei handelt es sich eigentlich noch um ein sehr offensichtliches Beispiel(, dass übrigens deutlich weniger beleidigend ist als es beim ersten Lesen daherkommt.) Später noch gefolgt von:

Es ist nicht gänzlich unmöglich, dass solch ein Zustand gefunden werden wird.

Eine reizende Litotes, stilistisch gesehen. Lässt sich gut lesen als „Viel Erfolg dabei sowas zu beweisen.“
Und am Ende des Absatzes:

Aber das ist gewiss eine ehrgeizige Hypothese.

Lies: „Denn es wird wirklich eine Unmenge (vergeblicher) Arbeitsaufwand das zu beweisen.“
Aber meinen Favoriten bisher habe ich gerade eben gefunden:

Er benutzte dabei die kunstvoll erdachte theoretische Erfindung, die wir heute als eine Turing-Maschine bezeichnen.

Gut. Wirklich gut. Zum einen ist es gar nicht klar zu sagen, ob es wirklich eine „Beleidigung“ oder zumindest ein höflicher Wink mit dem Zaunpfahl ist. Ich paraphrasiere mal eben: Erfindung ist per se neutral bzw. positiv, keine Frage. Sie, die Erfindung, ist kunstvoll. Was nett klingt, kann aber, da wir hier von Wissenschaftlern (im Falle von Turing Mathematiker und Logiker) reden, eine ziemliche Ohrfeige sein. Wenn etwas kunstvoll ist, ist das je nach Verständnis in etwa das Gegenteil von einfach, klar und sparsam. Sie ist davon abgesehen erdacht, was an sich nicht falsch ist, aber in dieser Reihung von Adjektiven einen etwas schalen Beigeschmack bekommt. Und letztlich ist sie theoretisch, was auch korrekt ist. Aber theoretisch und erdacht und kunstvoll? Die Einzelteile sind alle nicht wirklich problematisch, aber zusammen schieben sie die Wertung in unheimlich abstrakte Sphären.

So in etwa als würde ich sagen: Diese Suppe ist wirklich gut. Sie hat einen säuerlichen Beigeschmack und einen Hauch von Zitrone und es sind Zitrusfrüchte drin.

Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein und muss meine Textwahrnehmung mit kleinen Lachern und Kapriolen über Wasser halten. Aber zum Thema Subtilität gibt es hier noch viel zu lernen.

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