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Posts Tagged ‘Datenschutz’

Ich hatte gerade wieder einen dieser vagen Realisationsmomente, die mir gelegentlich im Alltag begegnen. Ich höre meinen Gedanken zu, wie sie in ihrer typischen Mustern und Bahnen dahinkreisen und auf einmal fällt mir auf, dass sich das Gedachte gar nicht mit den wirklichen Umständen deckt.
Besonders bei festgefahrenen Denk- und Redensarten (oft mit Tendenz Sarkasmus / Ironie) stolpere ich dabei desöfteren. Ich war gerade wieder dabei die Produktupdateanfrage eines größeren Softwarekonzerns durchzuwinken. Die Sorte von Handgriff, die für mich, der den Computer und die Virtualität als eine Erweiterung seines Körpers und Geistes ansieht, so verdammt natürlich ist; doch gleichzeitig so unheimlich verbissen.
„Klar Adobe, sicher darfst du updaten. Oh natürlich lese ich mal eben deine AGBs, so wie bei jedem Update, denn ich habe ja eine Stunde Zeit dafür. Aber mach‘ dir keine Hoffnungen. Du kannst dich um meine Seele mit Microsoft, Facebook und Blizzard prügeln. Ich hab‘ gehört, die haben einen echt dreckigen Kampfstil drauf. Der Secret Boss ist übrigens Google, also geh besser schonmal grinden. Oh? Mein Erstgeborenes? Aber mal langsam, da musst du dich weiter hinten anstellen. Kann ich dich für Nummer Vier eintragen.“
Ich lache gerne unter Freunden über diese Floskeln. Es ist die ironische Übertreibung unseres Alltags. Und da ist es mir aufgegangen wie verflixte Schnürsenkel: diese maßlose Übertreibung ist eine Lüge.
Okay. Natürlich ist es eine Übertreibung. Sie ist auch nicht faktisch „wahr“. Immer, wenn jemand sagt „Hier bricht gleich die Hölle los“ oder „Das sind Dämonen, denen darfst du nicht trauen“ und all die anderen dezent christlich angehauchten Metaphern, ist es nicht wörtlich gemeint. Es will sagen: Sache xy ist böse; falsch; schlecht. Diese Redensarten sind zudem erstaunlich beliebt im Bezug auf heutige Megakonzerne im digitalen Sektor. Ich lasse mal offen stehen, woher diese Assoziationen kommen. (Wiegt Mark Zuckerberg eigentlich mehr oder weniger als eine Ente?)
Es ist auch jedem selbsterklärend klar, was die Kommunikationsbotschaft solcher Aussagen ist, wenn er den Code halbwegs versteht und vom Kontext auch nur den blassesten Schimmer hat. Ob es nun um besagte AGBs geht oder um die Erfassung meiner Person als Datensatz durch Facebook und Google. Numeratiblahblah. Die ganze Privatheit vs. Öffentlichkeit – Debatte.
Doch in diesem Fall – denke ich – stelle ich mir (und stellt ihr euch, falls auch euch ähnliches schon einmal durch den Kopf ging) selbst ein Bein und meine Wahrnehmung der Realität, mein Begriffsbewusstsein, legt sich auf die Fresse.
Womöglich ist Michael Seemann / mspro, dessen Blogeinträge zu einem neuen Bewusstein (und neuen Begriffen) gegenüber der Digitalität, die Initialzündung zu diesem schmalspurigen Gedankenfunken gewesen. (Sollte besagter Herr de facto völlig andere Ansichten und ich ihn missverstanden haben, bitte ich um Entschuldigung.)
Der Vergleich, große Konzerne als das höllische Böse abzubilden, hinkt (vielleicht. ein bisschen.) Und die Referenz auf den Seelenhandel kann, in meinem Augen, kaum laufen. Lasst mich analytisch ausbreiten, weshalb:
Der Seelenhandel mit einer übernatürlichen Macht ist ein Bild, das von zwei Aspekten getragen wird: Der Aufgabe des innersten Selbst – zum Tausch gegen einen Preis von ungeheurem Wert. Einer mit gegebenen Mitteln nicht erreichbaren Sache. Shaymin zum Beispiel.
Ob ein Apple Produkt, Software von Adobe oder Microsoft oder auch die Erlaubnis StarCraft2 spielen zu dürfen, solche Sachen von Wert sind, lasse ich einmal offen. Es fühlt sich vage so an als würde ich fragen, ob der Bademeister, der mich nicht in sein Schwimmbad lässt, weil ich mich nicht an seine Hausordnung halte, mich verdursten lassen will. Aber eigentlich würde auch das zum Diskussionspunkt taugen.
Entscheidend aber für mich: Wenn ich sage oder denke, sei es auch nur aus Gewohnheit, dass diese Konzerne meine Seele – was mich zu mir selbst macht – wollen, belügen ich mich dann nicht selbst? Beschönige ich den Ablauf des Handels nicht ganz gewaltig zu meinen Gunsten? Das Schachern um die Seele mit einem bösen Geist ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Das wissen wir von Goethe geschädigten Deutschen mehr als jeder andere (und vielleicht deshalb sind wir so affin für diese Wortwendung.)
Es ist nichts Persönliches an meinem Datensatz. Dem Handel von Softwarenutzungserlaubnis für Observations- und Erfassungsrechte. Es ist eine Menge von Informationen, die meine Person betreffen, aber es bin nicht ich selbst, der dabei eine Rolle spielt. Wichtig ist meine statistische Erfassung in einem Gesamtbild. Ich bin in dieser Ökonomie allein kein (ausschlaggebender) Mensch, sondern winzig klein.
Wenn ich glaube, meine Seele an den Teufel zu verkaufen bei diesen Klicks und Häkchen und Ok-Buttons, dann sonne ich mich wirklich in einem rosigen Licht. Es stimmt im Verhältnis zum eigentlichen Bild noch die Befürchtung, dass der Handel nicht lohnt und nach hinten losgehen wird. Aber womöglich sollte ich das nächste Mal, wenn ich meinen individuellen Wert für diese Informationsmaschinerie so derart beschönige, genau nachdenken, ob es nicht nur eine Redensart, sondern auch ein Trost ist.
Es mag ein banaler Gedanke sein. Aber auf der Suche nach Begriffen für die Gesellschaft (und das Individuum darin), welche die Realität des digitalen Zeitalters verkraften und erfassen können, wären solche Perspektivenwechsel nur ein kleiner Schritt. Doch ich denke, dass frisches Bewusstsein für eine Situation nicht mit den Monumentaldefinitionen anfängt – sondern dort, wo wir im Alltag denken und reden.

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