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Auch wenn der Blog mittlerweile relativ tot ist, fiel mir irgendwie gerade meteoritenhaft ins Gedächtnis, dass ich darauf hinweisen könnte, dass ich momentan woanders schreibe, wo ein weiterer Blog etwas untoter.. weniger tot ist. Wow, das war ein Satz, der eindeutig zu lang war. Ich schreibe jedenfalls auf lessmetagaming.wordpress.com derzeit hier und da über Rollenspiele, Spielmechaniken und Spielspielerspielereien..spiele! Es geht um Spiele, okay? Don’t judge me.

Spaßige Randerkenntnis: wer per Animexx auf diesen Blog verwiesen wird, wird wiederum auf den nächsten Blog verwiesen. Ob ich es in den nächsten Jahren noch schaffe mich zu steigern?

Mal wieder ein Eintrag seit Sonntag überfällig..
Ich bekam Post am Wochenende:

Transkription:

Kaixo!
Wunderschön hier, wirklich. Leider kaum Zeit, mir alles anzusehen.
Die Exkursion hält mich in Atem. Aber irgendwann komme ich als Touristin zurück. Be-schlossene Sache. Bist Du dabei?
Viele Grüße an von Balthasar, Habe ihm schon seine geliebten Angulas [Angulos?] besorgt.
Bis bald, Bea

Da ich meinen Freundeskreis recht gut überschauen kann, war mir relativ schnell klar, dass die Karte bei mir sicherlich an die falsche Adresse gegangen ist. Bis mir dieses ARG eingefallen ist, bei dem ich mich vor einer Weile angemeldet hatte.
Ein halbes Google später, habe ich dann auch die passenden Referenzen in anderen Blogs gefunden:
http://merzmensch.blogspot.com/2011/02/lederbeutel-und-nun-auch-postkarten.html
http://www.caromite.de/allgemein/mysteriose-postkarte/
http://www.darkelysium.com/index.php?/archives/490-Postkarte-von-Bea-und-Balthasar-aus-dem-Baskenland.html

Auffällig an meiner Karte, soweit ich es richtig sehe:
Keine durchgestrichenen Passagen.
Kein Poststempel.

Ich bleibe gespannt.

Während ich an diesem Eintrag geschrieben habe, ist mir aufgefallen, dass schon die Grundüberlegungen zu Pen&Paper-Rollenspiel solchen Umfang annehmen, dass ich über den eigentlichen Spielbericht zu Shadows of Yesterday später schreiben werde. Ansonsten zieht sich der Text sehr in die Länge. Vermutlich „berichte“ ich, nachdem unsere Gruppe die zweite Runde diesen Donnerstag gespielt hat. Heute geht es ums Allgemeine – was auch immer das heißt.

Wer mich kennt, hat vermutlich schon miterlebt wie ich das eine oder andere Mal in Euphorie verfalle, wenn es um Indie Rollenspielsysteme geht. Ich kann einfach nie genug von den Alternativen reden, wenn leidige Würfelorgien und Charaktererschaffungstorturen in klassischen Systemen wie Shadowrun, DnD oder DSA zur Sprache kommen. Ich gehöre auch zu der Sorte Mensch – und Rollenspieler -, der enttäuscht ist, wenn ein Setting verwendet wird, weil es spannend und mitreißend ist – aber das System und die Regeln ignoriert oder weitestgehend umgangen werden, da sie zu komplex oder langwierig sind. Oder einfach nur öde. Konfliktsituation, gescheitert, Kampf. Initiative. Angriff. Verteidigung. Angriff. […]
Schon allein die Tatsache, dass es diese beschwichtigenden Floskeln unter Rollenspieln zu geben scheint, frustriert mich manchmal. Wir spielen auch nicht mit so vielen Kämpfen, sondern mehr Rollenspiel. In unserer Gruppe sind keine so schlimmen Powergamer.
Ich will hier niemanden angreifen oder kritisieren, der auf viel und komplexen crunch steht, und es schätzt, wenn ein System „viel Platz für Micromanagement bietet“ wie es jemand in meiner Gegenwart sehr liebenswert bezüglich DSA4 formulierte. Ich sah / sehe nur viel Unmut, der damit zusammenhängt.
Es fühlt sich immer nach dieser unumstößlichen Trennung an. Regeln und Crunch ist was für die PnP-Nerds, die jedes Regelwerk auswendig kennen, und man muss da eben durch um zu Rollenspielern. Rollenspiel ist Fluff und Charakterpersönlichkeit, die aber egal sind, sobald der andere die Wumme mit Salvenmodus auspackt und auf aufhört ein Wesen zu sein, das zur menschlichen Interaktion ohne Waffe fähig ist. Ich fühle mich an meine Erfahrungen mit Borderlands erinnert. Auch an die gefühlten Grenzen zwischen PnP-, Video- und Schreibrollenspiel.
Mein Verständnis von Rollenspielsystem hat dabei früher immer gefragt „Kann man das nicht irgendwie miteinander vereinbaren?“ und ist in Eigenüberlegungen immer irgendwie gescheitert. Heute – viele Stunden Lesen in der Forge und diversen Designerblogs – bin ich ein wenig schlauer in dieser Richtung. Sowohl generell, als auch bei kleinen einprägsamen Details. Ich gebe zu, ich bin nicht so vertieft in diese Themen wie ich es manchmal gerne wäre und ich kann auch das coole Fachvokabular nicht runterbeten und anwenden. Manchmal bin ich hauptsächlich froh, dass es da ist und Menschen sich darüber Gedanken machen wie Rollenspiel mehr Erfolgserlebnis / Belohnungsmechanik bieten kann als dem big bad one über 9000 Schadenspunkte gemacht zu haben.
Womit ich dazu käme wie ich auf The Shadows of Yesterday kam und wie ich zum Ende 2010 erneut darauf kam.
tSoY ist eines der ersten Indie System, auf die ich vor ein paar Jahren via Forge und andere Umwege gekommt bin. Allein schon, weil der Autor, Clinton R. Nixon, sehr methodisch bemüht war / ist das Regelwerk – und mittlerweile sogar das Setting – „open source“ zu halten, selbst während es Printvarianten davon gibt. Aber auch die Tatsache, dass damals gefühlt jeder zweite Blogeintrag von tSoY oder Dogs in the Vineyard sprach und warum die Regeln funktionieren – beziehungsweise, warum sie anders funktionieren als „das Übliche“.
Und ich war begeistert. Ich war so derart von den Socken, auch wenn ich bald gemerkt habe, dass dieses Regelwerk für mich eine weniger gravierende „Rettung“ war, als für manch andere Spieler. Immerhin habe ich mich bisher erfolgreich dem Erlebnis von „If it’s not in the rules you can’t do it“-Spielgruppen entziehen können.
The Shadows of Yesterday, kurz tSoY, ist ein Regelwerk, das nicht zwangsläufig an ein Setting gebunden ist, doch ein solches Setting existiert: wunderschönes dreckiges weird fantasy, das die Figuren und ihre Ideen, Macken und dunklen Geheimnisse in den Mittelpunkt stellt und den großen Plot und masterplan eher als Grundton im Hintergrund austrägt.
Wichtiger sind jedoch eigentlich die Regeln und Funktionen, welche – in meinen Augen – darauf ausgelegt sind gemeinsam eine Geschichte zu erzählen, die sich um Charaktere und deren Wesen dreht, ebenso wie ihre Spieler und deren Ideen.
Treffend besagt das Credo von tSoY:
No gods.
No monsters.
Just people.

Was mich damals auf den ersten Blick an tSoY überzeugt hatte, war die Feststellung, dass es kein spezielles Kampfsystem gibt – auch keine Monsterauflistungen, Lebenspunkte oder Tabelle über Tabelle mit Ausrüstungen, Werten und Modifikatoren. Hat mich glücklich gemacht, da ich mich bei PnP, aber vor allem RPGs im Videospielbereich immer gestört hat, dass ein Charakter kämpfen (-> Töten) können muss, um spielbar zu sein. Dicht gefolgt davon, kam mir natürlich die Frage: „Aber wie stirbt man denn dann?“ – Irgendwie lächerlich eigentlich, aber es ist letztlich die Game-Over-Bedingung, die in meinem Kopf festsitzt.
Die Antwort war relativ simpel: Jemand erklärt die Intention mich zu töten und gewinnt die damit verbundene Probe gegen mich. Wow, fasst meine Gedanken damals wie heute wohl in etwa zusammen. Ich kenne viele Diskussionen, die das schlichtweg imbalanced nennen bzw. für hirnrissig erklären überhaupt von so einer Grundform auszugehen. Ich verstehe die Bedenken, gerade wenn man es gewohnt ist einen Charakter zu „bauen“, der danach todsicher ist und „funktioniert“. Ich sehe trotzdem nicht wirklich das Problem:
Die Entscheidung, was einem Charakter geschieht, ist allein den Intentionen der anwesenden Spieler (und natürlich den Werten auf dem Charakterbogen) unterworfen und ist somit gewissermaßen verhandelbar. Wenn ein Charakter in einem anderen System in einem Kampf, in den er eigentlich gar nicht reingeraten will durch Zufall bzw. Pech – wie man seine Würfelinterpretation lieber hat – von Seiten des Spielleiters durch einen random enemy zu Tode kommt (vielleicht sogar ohne, dass der SL das beabsichtigte): das halte ich für ziemlich willkürlich und hirnrissig.
Aber ich greife ein bisschen vor: bei tSoY geht es um das, was die Spieler (aus-)erzählen wollen. (Dabei meine ich den Spielleiter – bei tSoY Geschichtenerzähler genannt – ebenso wie die Spieler von Charakteren.) Das rührt von zwei Regelelementen her:
1. Einfache Proben sind Konfliktbewältigung und keine Aufgabenbewältigung(conflict-resolution vs. task-resolution): In den meisten klassischen Rollenspielsystemen, werden Handlungen Stück für Stück für Stück als Aufgaben bewältigt und Proben geworfen, um den Ausgang zu bestimmen, wenn die Handlung problematisch sein oder scheitern könnte. Ich schleiche durch die Gasse. Ich klettere über die Mauer. Ich treffe den Kontaktmann und verhandle mit ihm. Ich bemerke den Hinterhalt.[…]
In der Bewältigung von Situationen oder Szenen als Konflikt (statt als einzelne Aufgabenschritte) ist der Gesamtzusammenhang so lange eine einzige Probe, bis die Spieler der Meinung sind, dass auf Erzählschritte näher einzugehen wäre. Zum Beispiel, weil sie spannend sind und die Menschen am Tisch interessiert. Oder weil die „große“ Probe mies ausging und sie dummerweise ein ziemliches Missgeschick erleiden würden, wenn sie bei „Wir wollen den Dungeon ausräumen und alle Schätze plündern“ oder „Ich versuche das Geheimnis des alten Goblineremiten in Erfahrung zu bringen“ bleiben. Doch bis dahin wäre die Überquerung des gefährlichen Gebirgspasses eine Probe. Ebenso die komplette Planung des Einstiegs in die Arkologie eines Mega-Cons. Vielleicht sogar die Planung und der Einstieg; es ist eine Frage des gewünschten Erzählfokus. Wenn das Ergebnis einer Situation am Ende für die (Charakter)-Spieler unbefriedigend ist, dann können sie verlangen, dass die Erzählperspektive weiter ins Detail „gezoomt“ wird, um zu berichten „wie es wirklich war“. Eine nicht ganz so komplizierte Probenmechanik, die tSoY bringing down the pain nennt. Aber bisher dahin ist jeder beliebige Zeit- oder Handlungsabschnitt eine Probe (oder natürlich gar keine, aber da ist wieder das Problem mit dem ungenutzten Regelwerk…), solange sich alle Beteiligten darauf einigen können.
2. Ein Belohnungssystem, das auf dem Ausspielen der Charakterpersönlichkeit und seiner Motivatioen aufbaut(keys): Die meisten Systeme, die ich kenne, belohnen Charaktere mit Erfahrungspunkten (oder Karma, Abenteuerpunkte und wie sie alle heißen; falls es ein Erfahrungspunktesystem gibt) dafür, dass sie eine Aufgabe lösen, die der Spielleiter ihnen in den Weg stellt: Monster, die mathematisch heruntergerechnet werden; Hindernisse, die mit einem gewissen „Wert“ notiert sind; Erreichen bestimmter Handlungsabschnitte. Manchmal relativiert durch eine Art Betragensnote: Mir wäre es lieber gewesen, wenn ihr niemanden umgebracht hättet; Ihr habt mein super-duftes Rätsel entdeckt und sogar gelöst, was mich gefreut hat; Ich fand’s lustig. Und dann gibt es noch die Methode, die ich mal als Pauschalbetrag titulieren würde und mit welcher ich rollenspielerisch aufgewachsen bin und die längste Zeit (womöglich bis heute?) meine Sympathie innehatte: Jeder anwesende Spieler erhält dieselbe fixe Belohnung dafür, dass er existiert. Letztlich bin ich da ein wenig skeptisch, auch wenn ich die meisten dieser Methoden durchaus benutze – aber das ist ein anderes Thema.
tSoY sieht sogenannte Schlüsselszenen vor, an denen der Spielleiter die eher lose gewobene Abenteuerstruktur aufhängt und dafür ein Minimum an Erfahrung ansetzt. Den restlichen Großteil der Belohnung erarbeiten die Spieler sich gewissermaßen selbst: jeder Charakter hat mindestens einen key, eine Motivation, eine Überzeugung, einen Tick oder alles Mögliche, was ihn oder sie antreibt etwas zu tun. Diese Schlüsselelemente sind, in meinen Augen, das, was sonst oft unter „Warum geht dein Charakter denn überhaupt auf Abenteuer?“ (sprich, seine Daseinsberechtigung und Spielbarkeit in der Runde) am Rande abgehandelt wird.
keys werden – mechanisch gesprochen – ausgelöst, wann auch immer ihre Bedingungen erfüllt sind und geben Belohnung (Erfahrungspunkte); je gravierender die Situation ist, desto mehr.
Ich habe einen Hinweis auf den Verleib meines verschwundenen Sohns gefunden. Ich habe jemanden beschützt. Mir wurden Schmerzen zugefügt. Sie glauben mir hier alle, obwohl mein ganzes Auftreten eine Lüge ist. Der Mensch, der mir wichtig ist, ist hier.
Ich kenne diverse Einwände gegen die Belohnungsmechanik und kann viele Bedenken verstehen. Da ich bisher erst die Theorie und Erfahrungsberichte kenne, weiß ich vielleicht auch erst in ein paar Wochen, dass ich das System nicht mag. Bisher erscheint es mir sehr gelungen als Verschiebung der Spielperspektive. Die größten Bedenken sind damit verbunden, dass eine Mechanik immer Gefahr läuft ad absurdum geführt zu werden. Button-mashing for greater justice. Daraus, so die Überlegung, entsteht nicht mehr Rollenspiel oder Charakterentwicklung, sondern Spieler, die am Tisch sitzen und immer wieder sagen „Ich suche mir Streit, um dann hitzig den Namen meines Klans zu verteidigen. Ein Erfahrungspunkt. Ich suche mir Streit, um dann hitzig den[…]“, anstatt „Ich greife an.[…]“
Der Einwand dagegen ist zweierlei: zum einen bringt auch hölzernes key-mashing den Charakter in die Handlung ein und verstrickt ihn mit den anderen Charakteren, die womöglich – oder sogar höchstwahrscheinlich – gegensätzliche Motivationen haben. So entstehen Konflikte und Eskalationen und so wird Handlung schlicht und ergreifend unterhaltsam. Zum anderen ist es eine Herausforderung seine Belohnung selbst generieren und vorantreiben zu können und zu müssen, anstatt am Ende einfach „k, alle 50 EXPthxbbgot2go“ zu bekommen. Mehr noch, mehr Belohnung zu wollen reizt dazu abgefahrenere Kunststücke aus den Motiven des Charakters zu konstruieren und ihm so Leben einzuhauchen.
Vermutlich wollte ich noch etwas Vertiefendes sagen, aber im Kern ist es das, was Shadows of Yesterday für mich durch seine Grundeinstellung so verdammt reizvoll ist. Der Crash mit der Praxis folgt.

Wo ich derzeit an der Sekundärliteratur zu meiner Hausarbeit sitze, fällt mir immer wieder auf wie faszinierend Beleidigungen und Seitenhiebe in Fachliteratur eigentlich sind. Als Student bin ich es ja grundsätzlich gewohnt, dass Autoren, besonders im geisteswissenschaftlichen Bereich, gerne in ihren Einleitung mit den Thesen ihrer Vorgänger aufräumen. In der Regel funktioniert das natürlich sachlich (denn wir schreiben ja alle sachlich und objektiv. Nicht wahr?) und auf Argumenten und Daten beruhend, wie in wissenschaftlichen Kreisen sein sollte. Diese Regeln gelten im 20. und 21. Jahrhundert meiner Beobachtung nach sogar noch stärker, da die Arbeitsweise der Wissenschaften immer weiter formalisiert und theoretisiert wird. Weniger nett gesagt: Die volle Beleidigungs- und Diskreditierungskanonade fällt schneller mehr Menschen auf. Also muss man elegant werden, wenn man zumindest ein wenig seine Meinung auslassen will.

Leichter fällt es Autoren da, wenn die Person schon lange tot ist, fiel mir vor ein paar Semestern schon auf. Ich las damals für eine Hausarbeit über Heinrich von Morungen einen wirklich sehr detaillierten und aufschlussreichen Text über die Betrachtung der Minnedame / Frauenfigur in seinen Liedern. Zumindest detailliert bis der Autor seine Aussage getroffen hatte und den Aufsatz innerhalb von zwei Absätzen schloss mit einem Satz, der so in etwa lautete:

Die restlichen drei Strophen sind ödes Minneblahblah von nicht nennenswerter Form und hier nicht mehr von Interesse.

Ich kann das Zitat zwar gerade nicht finden, aber es stand wirklich Minneblahblah drin. Hat mich damals sehr glücklich gemacht.

Die Text, die ich allerdings momentan lese, sind ganz großartig darin auszuteilen und dabei mehr oder minder die Form zu wahren.
Ein Satz, über den ich gestern gestolpert bin:

Der Gehirnzustandstheoretiker erwähnt gewöhnlich (mit einem gewissen Stolz, der ein wenig an den Dorfatheisten erinnert) die Inkompatibilität seiner Hypothese mit allen Formen des Dualismus und Mentalismus.

Hierbei handelt es sich eigentlich noch um ein sehr offensichtliches Beispiel(, dass übrigens deutlich weniger beleidigend ist als es beim ersten Lesen daherkommt.) Später noch gefolgt von:

Es ist nicht gänzlich unmöglich, dass solch ein Zustand gefunden werden wird.

Eine reizende Litotes, stilistisch gesehen. Lässt sich gut lesen als „Viel Erfolg dabei sowas zu beweisen.“
Und am Ende des Absatzes:

Aber das ist gewiss eine ehrgeizige Hypothese.

Lies: „Denn es wird wirklich eine Unmenge (vergeblicher) Arbeitsaufwand das zu beweisen.“
Aber meinen Favoriten bisher habe ich gerade eben gefunden:

Er benutzte dabei die kunstvoll erdachte theoretische Erfindung, die wir heute als eine Turing-Maschine bezeichnen.

Gut. Wirklich gut. Zum einen ist es gar nicht klar zu sagen, ob es wirklich eine „Beleidigung“ oder zumindest ein höflicher Wink mit dem Zaunpfahl ist. Ich paraphrasiere mal eben: Erfindung ist per se neutral bzw. positiv, keine Frage. Sie, die Erfindung, ist kunstvoll. Was nett klingt, kann aber, da wir hier von Wissenschaftlern (im Falle von Turing Mathematiker und Logiker) reden, eine ziemliche Ohrfeige sein. Wenn etwas kunstvoll ist, ist das je nach Verständnis in etwa das Gegenteil von einfach, klar und sparsam. Sie ist davon abgesehen erdacht, was an sich nicht falsch ist, aber in dieser Reihung von Adjektiven einen etwas schalen Beigeschmack bekommt. Und letztlich ist sie theoretisch, was auch korrekt ist. Aber theoretisch und erdacht und kunstvoll? Die Einzelteile sind alle nicht wirklich problematisch, aber zusammen schieben sie die Wertung in unheimlich abstrakte Sphären.

So in etwa als würde ich sagen: Diese Suppe ist wirklich gut. Sie hat einen säuerlichen Beigeschmack und einen Hauch von Zitrone und es sind Zitrusfrüchte drin.

Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein und muss meine Textwahrnehmung mit kleinen Lachern und Kapriolen über Wasser halten. Aber zum Thema Subtilität gibt es hier noch viel zu lernen.

Ich hatte gerade wieder einen dieser vagen Realisationsmomente, die mir gelegentlich im Alltag begegnen. Ich höre meinen Gedanken zu, wie sie in ihrer typischen Mustern und Bahnen dahinkreisen und auf einmal fällt mir auf, dass sich das Gedachte gar nicht mit den wirklichen Umständen deckt.
Besonders bei festgefahrenen Denk- und Redensarten (oft mit Tendenz Sarkasmus / Ironie) stolpere ich dabei desöfteren. Ich war gerade wieder dabei die Produktupdateanfrage eines größeren Softwarekonzerns durchzuwinken. Die Sorte von Handgriff, die für mich, der den Computer und die Virtualität als eine Erweiterung seines Körpers und Geistes ansieht, so verdammt natürlich ist; doch gleichzeitig so unheimlich verbissen.
„Klar Adobe, sicher darfst du updaten. Oh natürlich lese ich mal eben deine AGBs, so wie bei jedem Update, denn ich habe ja eine Stunde Zeit dafür. Aber mach‘ dir keine Hoffnungen. Du kannst dich um meine Seele mit Microsoft, Facebook und Blizzard prügeln. Ich hab‘ gehört, die haben einen echt dreckigen Kampfstil drauf. Der Secret Boss ist übrigens Google, also geh besser schonmal grinden. Oh? Mein Erstgeborenes? Aber mal langsam, da musst du dich weiter hinten anstellen. Kann ich dich für Nummer Vier eintragen.“
Ich lache gerne unter Freunden über diese Floskeln. Es ist die ironische Übertreibung unseres Alltags. Und da ist es mir aufgegangen wie verflixte Schnürsenkel: diese maßlose Übertreibung ist eine Lüge.
Okay. Natürlich ist es eine Übertreibung. Sie ist auch nicht faktisch „wahr“. Immer, wenn jemand sagt „Hier bricht gleich die Hölle los“ oder „Das sind Dämonen, denen darfst du nicht trauen“ und all die anderen dezent christlich angehauchten Metaphern, ist es nicht wörtlich gemeint. Es will sagen: Sache xy ist böse; falsch; schlecht. Diese Redensarten sind zudem erstaunlich beliebt im Bezug auf heutige Megakonzerne im digitalen Sektor. Ich lasse mal offen stehen, woher diese Assoziationen kommen. (Wiegt Mark Zuckerberg eigentlich mehr oder weniger als eine Ente?)
Es ist auch jedem selbsterklärend klar, was die Kommunikationsbotschaft solcher Aussagen ist, wenn er den Code halbwegs versteht und vom Kontext auch nur den blassesten Schimmer hat. Ob es nun um besagte AGBs geht oder um die Erfassung meiner Person als Datensatz durch Facebook und Google. Numeratiblahblah. Die ganze Privatheit vs. Öffentlichkeit – Debatte.
Doch in diesem Fall – denke ich – stelle ich mir (und stellt ihr euch, falls auch euch ähnliches schon einmal durch den Kopf ging) selbst ein Bein und meine Wahrnehmung der Realität, mein Begriffsbewusstsein, legt sich auf die Fresse.
Womöglich ist Michael Seemann / mspro, dessen Blogeinträge zu einem neuen Bewusstein (und neuen Begriffen) gegenüber der Digitalität, die Initialzündung zu diesem schmalspurigen Gedankenfunken gewesen. (Sollte besagter Herr de facto völlig andere Ansichten und ich ihn missverstanden haben, bitte ich um Entschuldigung.)
Der Vergleich, große Konzerne als das höllische Böse abzubilden, hinkt (vielleicht. ein bisschen.) Und die Referenz auf den Seelenhandel kann, in meinem Augen, kaum laufen. Lasst mich analytisch ausbreiten, weshalb:
Der Seelenhandel mit einer übernatürlichen Macht ist ein Bild, das von zwei Aspekten getragen wird: Der Aufgabe des innersten Selbst – zum Tausch gegen einen Preis von ungeheurem Wert. Einer mit gegebenen Mitteln nicht erreichbaren Sache. Shaymin zum Beispiel.
Ob ein Apple Produkt, Software von Adobe oder Microsoft oder auch die Erlaubnis StarCraft2 spielen zu dürfen, solche Sachen von Wert sind, lasse ich einmal offen. Es fühlt sich vage so an als würde ich fragen, ob der Bademeister, der mich nicht in sein Schwimmbad lässt, weil ich mich nicht an seine Hausordnung halte, mich verdursten lassen will. Aber eigentlich würde auch das zum Diskussionspunkt taugen.
Entscheidend aber für mich: Wenn ich sage oder denke, sei es auch nur aus Gewohnheit, dass diese Konzerne meine Seele – was mich zu mir selbst macht – wollen, belügen ich mich dann nicht selbst? Beschönige ich den Ablauf des Handels nicht ganz gewaltig zu meinen Gunsten? Das Schachern um die Seele mit einem bösen Geist ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Das wissen wir von Goethe geschädigten Deutschen mehr als jeder andere (und vielleicht deshalb sind wir so affin für diese Wortwendung.)
Es ist nichts Persönliches an meinem Datensatz. Dem Handel von Softwarenutzungserlaubnis für Observations- und Erfassungsrechte. Es ist eine Menge von Informationen, die meine Person betreffen, aber es bin nicht ich selbst, der dabei eine Rolle spielt. Wichtig ist meine statistische Erfassung in einem Gesamtbild. Ich bin in dieser Ökonomie allein kein (ausschlaggebender) Mensch, sondern winzig klein.
Wenn ich glaube, meine Seele an den Teufel zu verkaufen bei diesen Klicks und Häkchen und Ok-Buttons, dann sonne ich mich wirklich in einem rosigen Licht. Es stimmt im Verhältnis zum eigentlichen Bild noch die Befürchtung, dass der Handel nicht lohnt und nach hinten losgehen wird. Aber womöglich sollte ich das nächste Mal, wenn ich meinen individuellen Wert für diese Informationsmaschinerie so derart beschönige, genau nachdenken, ob es nicht nur eine Redensart, sondern auch ein Trost ist.
Es mag ein banaler Gedanke sein. Aber auf der Suche nach Begriffen für die Gesellschaft (und das Individuum darin), welche die Realität des digitalen Zeitalters verkraften und erfassen können, wären solche Perspektivenwechsel nur ein kleiner Schritt. Doch ich denke, dass frisches Bewusstsein für eine Situation nicht mit den Monumentaldefinitionen anfängt – sondern dort, wo wir im Alltag denken und reden.

Ich mache gerade meine erste Pause und dachte, dass ich die Gunst der Stunde nutze, um einen Blogeintrag zu diesem Tag anzulegen, den ich immerhin wieder status-esque Updaten werde.

Bisher lief alles vorbildlich. Um 7 Uhr auf Anhieb aus dem Bett gekommen und nach der Dusche Kaffee gekocht, um pünktlich um 8 mit meinem ersten Buch Gossamer von Lois Lowry begonnen (derzeit auf Seite 105 von 160). Leichtes Futter, da ich mir den schweren Stoff für Uhrzeiten vollständiger Wachheit aufhebe.
Da ich kein wirklich großer Fan von Statistiken bin (Oh, sieh‘ mal, ich habe schon 67% dieser Seite gelesen und während ich das ermittelt habe 37,8% des Inhalts vergessen. Auf lange Sicht extrapoliert, heißt das dass[…]) und in meiner Zeitrechnung bei stündlichen Aktionen von jeder Stunde noch bestenfalls 50 Minuten übrigbleiben (eine Meinung, die ich spätestens ab 22 Uhr über die Planke schicken werde, wenn Übermüdung und Trägheit eintritt), werde ich euch in regelmäßigen Updates an meinem Tagesablauf teilhaben lassen. Die ganzen kleinen Handgriffe und Nebensächlichkeiten, wenn ich heute gerade kein Buch in der Hand habe.
Im nächsten Update um 3: Warum Tofu dein Freund ist.
15 Uhr (30): Ich habe mittlerweile mein erstes Buch durch und es war ein angenehmer Einstieg. Ich habe weiterhin eine Schwäche für Bücher von Lois Lowry, auch wenn es Kinderbücher sind und ich vermutlich langsam aus dem Alter raus sein sollte. Sie haben schlichtweg etwas Faszinierendes an sich in ihrer Klarheit und auch in ihrem, manchmal sehr anstrengenden, Positivismus. Gerade in Gossamer ist mir wieder aufgefallen: Schlechte Menschen (oder Dinge überhaupt) bei Lowry werfen mit Schimpfwörtern um sich und haben Gewehre – Gute Menschen sind immer gelassen, verlieren fast nie die Fassung und es ist ihnen nie etwas Schlimmes widerfahren (außer durch schlechte Menschen. Mit Gewehren z.B.). Aber wie schon gesagt, es ist ein Kinderbuch und somit vermutlich.. nunja, nicht notwendig, aber zumindest angemessen.
Mittlerweile stecke ich Mitten in Prince of Stories, einer erzählenden Werksbiografie über Neil Gaiman, und vergnüge mich ganz großartig mit den Anekdoten und Hintergrundinformationen.
Ich nutze meine letzten zwanzig Minuten Pause aus, um mir eine der Fragen aus dem Lovely Books Blog vorzunehmen.
Wer bist Du und warum machst Du beim Read-a-thon mit?
Ich bin Marc, aber Namen haben ja bekanntlich nicht viel zu sagen. Ich bin Germanistikstudent im Endstadium (auch bekannt als Arbeitslosenlarve) und empfinde ein gehöriges Chili con Carne an Gefühlen für alles, was sich um Wort, Schrift und Sprache dreht. Ob es nun ums Lesen, eigenes Schreiben oder um Linguistik und Typografie geht. Auch schlicht (moment, wieso eigentlich schlicht?) das gesprochene Wort, Kommunikation, Rollenspiels und das Gefühl etwas nicht mit Worten sagen zu können und es doch zu müssen. Vierundzwanzig Stunden Lesen sehe ich als die Gelegenheit, mich mal wieder mit der Fähigkeit betraut zu machen, lange Zeit ohne Unterbrechungen und Zeitdruck zu lesen. So einfach ist das.
Aber Tofu. Wir müssen wirklich mal über Tofu reden.

Unbearbeiteter Tofublock aus dem Asiamarkt

Tofu ist dein Freund - es spricht sogar mit dir, wenn du genau hinsiehst.

Ich bin ja eigentlich überzeugter Fleischverzehrer und alles andere als auf dem Gesundheitstrip. Aber Tofu. Ungelogen eine dieser ergreifenden Entdeckungen aus dem letzten Jahr. Ich kannte es vorher aus asiatische Restaurants, in denen es meist als geschmacklose grenzgummierte Substanz daherkommt. Doch seit ich aus einer Laune heraus diese Substanz selbst mariniert und zubereitet habe bin ich der festen Überzeugung: Tofu ist dein Freund.

Fertig aus der Pfanne.

Schmeckt nicht "nach nichts", sondern wie du es dir wünschst.


Tofu ist nicht nur immer für dich da, wenn du es aus einem anständigen Asialaden gekauft hast (und nicht diesen schäbigen überteuerten Kautschukmüll aus dem Supermarkt). Es ist auch immer genau das, was du gerade brauchst. So ziemlich jede Mischung aus Kräutern, Ölen und Gewürzen, die ich bisher ausprobiert habe, bringt genau diesen Geschmack heraus. Es ist wie ein weicher hilfbereiter Geschmackabsorber.
Deshalb: Liebe dein Tofu so wie du später von ihm geliebt werden möchtest. Es lohnt sich.
20 Uhr: Ob nun Halbzeit oder Climax, bevor es dramatisch abwärts gen Katastrophe geht – es ist acht Uhr und ich bin nach (mehr oder minder) 12 Stunden lesen noch ziemlich fit.
Das Buch meines Vertrauens ist immer noch Prince of Stories, doch ich werde, sobald ich mit dem Kapitelkomplex über The Sandman durch bin, wieder zu einem fiktiven Text wechseln. Die weiteren 400 Seiten Metatext reizen mich gerade nicht so gravierend. Eine Geschichte, statt einer Geschichte über Geschichten, ist langsam wieder angebracht. Vermutlich ist das Mittel meiner Wahl hierbei Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt von Haruki Murakami, doch wie schon zuvor entscheide ich eher spontan.
Mein Lesestil ist weiterhin (und wie immer) ruhig und gemächlich, doch überraschenderweise fühlt es sich gar nicht ungewohnt an entgegen meines Alltag „nur“ zu lesen, statt in Intervallen.
Zeit für noch eine Frage: Welche Bücher nimmst Du mit in den Marathon und warum?

Die Waffen meiner Wahl


Ich habe mir vorher keinen Plan gemacht, welche Bücher ich lesen werde, sondern einen Stapel an Optionen am Abend zuvor aus den Regalen gegriffen, aus denen ich heute auswählen würde. Ich will nicht alle Bücher im Detail nennen (etwas mühselig und fadenscheinig), aber es sind einige Kinder- und Jugendbücher, größtenteils von Lois Lowry, zwei Bücher von Murakami (oben genanntes und Kafka am Strand) und andere gut verdauliche Belletristik dabei. Daneben auch ein paar eher wissenschaftliche Bücher (z.B. ein Lehrband zur Philosophie des Geistes hrsg. von Thomas Metzinger), falls mir danach sein sollte. Sprich, falls mich der Arbeitswahn packt, tatsächlich etwas zu lesen, dass ich lesen muss. Ja.. gute Theorie.. Ähm, jedenfalls; die Gründe dürften durchscheinend sein: Abwechslung. Möglichst viele Optionen bei der Hand haben ohne großartig danach suchen zu müssen.
3 Uhr: Irgendwie sind die letzten.. 4 Stunden Lesen in so etwa 50 Seiten versunken, was teilweise an Murakamis Schreibstil, teilweise an einer gerade sehr müden Phase meiner biologischen Extension liegt. Nebenbei war da noch irgendwo eine Stunde Abendessen. Mir fallen nicht einmal die Augen zu oder ich bin erschöpft, aber.. nunja, nachlassende Konzentration schraubt das Lesetempo runter und den Fokus auf das Gelesene hoch. Fühle mich gerade recht eins mit meinem Buch. (Nicht auf die Art, bei der mein Kopf in den Buchseiten liegt.) Aber vielleicht sind das auch einfach die bisher ~8 Liter Tee, die da sprechen.
Zeit für eine weitere Frage(, die ich gerade recht passend finde): Wie hältst Du Dich 24h lang für das Lesen fit – welche Vorbereitungen hast Du getroffen?
Mein „Fitnessprogramm“ folgt dem unerschütterlichen Quadrat von Fruchtsaft, Koffein (bzw. Teein), Frischluft und nervenzerstäubender Musik (Chiptune und Growl Metal). Außerdem versuche ich regelmäßig den Leseplatz zu wechseln, um mich nicht an einem Ort zu sehr einzuheimeln und die Atmosphäre zu verändern.
Ich habe mich nicht wirklich auf die Aktion vorbereitet. Eigentlich habe ich nur meinem Freundeskreis gesagt, dass sie sich gefälligst zum Teufel scheren sollen, diese Bastarde ich dieses Wochenende nicht zur Verfügung stehe und mich somit von der Außenwelt abgemeldet. Ein Einkauf von seltsamen Säften, einer handvoll Instantkaffees und einer Schachtel Moods (wie ich schon sagte: Frischluftpausen) am Freitag. Kurze Buchselektion am Vorabend, genauso wie groben Schlachtplan. Oh, und natürlich der gescheiterte Versuch Freitagabend zeitig zu schlafen.
Nächster Punkt auf der Tagesordnung: Halluzinationen abwarten.
6 Uhr (42): Hallo, ich bin Bobbin. Bist du meine Großmutter? Ich glaube, ich bin irgendwo auf der Goldstraße falsch abgebogen und auf diesen Regenbogen geraten. Wow. Das ist ein voller Regenbogen. Unentwegt den Himmel entlang. Er ist so lebendig. Was hat er zu bedeuten? Oh mein Gott, was hat er nur zu bedeuten? Ich glaube für die Einstellung brauche ich jetzt wirklich langsam ein anderes Subjektiv. Irgendeins mit non-euklidischem Weitwinkel. Ich hab‘ zwar keine Ahnung, was ich dann damit tue – außer vielleicht die momentane Situation um 90 Grad in die Horizontale verlagern – aber es ist okay. Wenn ich hier nur wieder lebend rauskomme, dann machen wir uns auf die Reise zum Erdmittelpunk. Keine Panik, der mag zwar nach außen wie ein ziemlich kühler Typ erscheinen, aber soll auch echt heiß sein, wenn man ihm erstmal näher kommt. – Und überhaupt, wer hat da draußen, hinter meiner Fensterscheibe, das Licht angelassen? Ich war langsam sicher, dort wo das Glas aufhört, ist die Welt schon untergegangen und die Sonne dreht sich langsam um mich.
8 Uhr: Es ist geschafft. Wenn ihr mich entschuldigt, ich werde gleich für 6 bis 8 Stunden in einen abrupten Verlust meines Bewusstseins und phänomenalen Selbstmodells verfallen.
Aber zuletzt: Ist dies Dein erster Marathon & hättest Du Lust in Zukunft wieder mitzumachen? Was ist die erste Tätigkeit, die Du nach dem 24-h-Marathon erledigen wirst?
Ja. Ja. Schlafen.
Alle, die außer mir noch mit gemacht haben: ihr seid großartig; alle, die ich zumindest ein bisschen kennenlernen durfte in den kleinen Anekdoten und Fetzen von vierundzwanzig Stunden: ihr seid großartiger; alle, die es tatsächlich durchgehalten haben: da gehen mir auch schon die Worte aus.

Ich sehe heute morgen aus dem Fenster, das ganze Bild sinkt so in mich ein wie es in letzter Zeit eher an mir entlangperlt, und mir wird vom einen Moment auf den anderen klar: Scheiße, es ist nicht mehr Sommer.

Das nur einmal als kontextungebundener Einstieg, den ich erwähnt haben wollte.

Wer bei mir gelegentlich ein- und ausgeht, der weiß, dass ich seit Anfang des Jahres im Besitz eines Whiteboards bin, das dabei helfen soll die Gedanken und Daten aufzufangen, die aus meiner leckgeschlagenen Nussschale von Gehirn regelmäßig herauszufallen drohen.

Wer bei mir gelegentlich ein- und ausgeht, der kann – in einigen Fällen mehr, in anderen (leider) weniger – dem Drang nicht widerstehen sich einen Marker zu nehmen und irgendwelches Zeug auf die weiße Wand zu werfen. Nebenher kommen noch diverse Sätze, Notizen und Zitate dazu, die ich meinerseits dorthin verbanne, obwohl sie keinen wirklich praktischen Nutzen für mich haben.

Ich notiere sie seit zwei drei Monaten mit, bevor sie verschwinden.

Ich dachte mir, es wäre ein Jammer diese Fetzen Realität verschüttgehen zu lassen, wenn ich jeden Monat das Board einmal blankziehe. (Aus Gründen des schönen Scheins lasse ich übrigens alle Weisheiten weg, die sich auf Titten, Penisse und sonstige Geschlechtsteile beschränken. Ebenso wie die Dokumentation von Zeichnung derselbigen. Meine Einträge sind so schon lang genug. Echt jetzt.)

Nun denn. Juni 2010.

Selbstgeschriebenes:

Anpassung – Bedeutung / Vagabondage / Die mentale Repräsentation der Prolepse und ihre Relation zum Leben ist der Ursprung aller Frage nach der Daseinsberechtigung. Jede Daseinsberechtigung strebt nach einer Existenzgrundlage. / Days without. / Eisenschamane. Eisenspäne. Magnetenwahrsager. / Moment, für die Einstellung brauche ich ein anderes Subjektiv. / I wouldn’t say I killed the mood. More like, tortured it and impaled it letting it bleed to death in the sun. / CLM. Career limiting move. /

Ich wache in einem Traum auf

als Du und Ich aus unsrem Fenster

in die Welt hinausblicken

und ungeheure Seepferdchen Algennester

in der versunkenen Skyline bauen /

The cake is a pie

everything else is a lie!

You can’t die deny

and neither do I. /

Fremdgeschriebenes:

Das zweite X-Chromosom schickt der Teufel.

Juli & August 2010.

Selbstgeschriebenes:

Ich finde es ungeheuerlich so ungemein den Körper zu vergiften, dass ich keine Ahnung davon haben. (oder Angst?) / und dann vollführte er einen Trick, für den es keinen Sinn gab / 8-bit-Pixel Punk / burn down tomorrow (please.)

Fremdgeschriebenes:

Skateboard! / Come aboard our Wayne Train and we’ll go all the way to the Whateverest. / Buenos amigos som como la sombre! Cuando hoy sol estau contigo

Zitate:

In bed above we’re deep asleep

while greater love lies further deep

this dream must end this world must know

we all depend on the beast below /

(Dr. Who Fünfte Staffel, the beast below)

rattle his bones

over the stones

it’s only a pauper

who nobody owns /

there’s time to work

and time to play

and time to dance

the macabray

(Beides aus Neil Gaiman, The Graveyard Book)

Whiteboard Ende. Fürs Erste.

Eine Sache, auf die ich (mal nicht in eigener Sache) noch hinweisen wollte, ist eine über das Internet verbreitete Aktion, über die ich vor einigen Wochen gestolpert bin: den sogenannten Read-a-thon (Versteht ihr? So wie in read a ton – lies ’ne Menge und gleichzeitig eine Abwandlung von Marathon ahahahaaa…ha *rimshot*, okay hab mich wieder.); eine dieser virtuellen Gruppenaktivitäten, bei denen alle gemeinsam irgendetwas allein tun. Um es in meinen Worten zu sagen.

Die Sache ist eigentlich selbsterklärend: Alle „Teilnehmer“ lesen an den angesetzten Tagen (bzw. dem Tag) vierundzwanzigstundenlang. Wahlweise äußert man sich in Pausen oder wenn man spontan die Fähigkeit zu lesen vergisst (ein meines Erachtens nach nicht unwahrscheinliches Szenario) im Medium Internet über den Verlauf der persönlichen Odyssee. Wie ich es beispielsweise in diesem Blog und auf Twitter zu tun gedenke.

Ich bin recht angetan von dieser Idee. Als ein Mensch, der ich zwar leidenschaftlich und studiumsbedingt Viellesender bin, doch dessen Art des Lesens sich gerade in den letzten Jahren wohl am Besten mit der Futtern von Snacks beschreiben lässt. In Bussen, Bahnen. Auf dem Gang bis zur nächsten Vorlesung. Kleine Portionen von einer halben Stunde oder bestenfalls anderthalb Stunden, die lange im Kopf nachwirken, aber nicht viel Platz und Zeit in Anspruch nehmen. Informationsbündel.

Genau deshalb werde ich bei der Idee mitmachen. Als NaNoWriMo-Teilnehmer muss ich ja angenehmerweise im Antworttext nur ein paar Ausdrücke ersetzen, wenn mal wieder jemand fragt: „Aber was macht es für einen Sinn? Du kannst es doch an jedem anderen Tag genausogut machen. Wer kontrolliert das denn? Wirklich zusammen macht ihr das ja nicht wirklich, das ist dir schon klar?! Was bringt dir das?“ (Willkommen im Internet, du Ansammlung von Zellen, denen das alles nichts bringt.)

Vielleicht hast du ja auch Lust dir vierundzwanzig Stunden deines Jahres von ein paar Büchern stehlen zu lassen. Womöglich ist es ein Wahnsinnsritt für deine Aufmerksamkeitsspanne und dein Selbstverständnis. Oder dir ist langweilig. Oder es ist einfach noch zu viel Kaffee da. Oder der Trophyserver deiner Lieblingskonsole ist down UND OHNE KANNST DU NICHT SPIELEN WO BLEIBT DENN DA DER SINN?! Oder das Mädel, von dem du dachtest, dass sie dich nur zum Spaß und weil es sie heiß macht da angekettet hat, hat dir nur einen Stapel Bücher dagelassen, die dich vor der Isolation und dem Hunger bewahren können. Moment. Hörst du das? Hat sie in der Küche den Wasserhahn nicht ganz zugedreht?

Tropf.

Tropf.

Tropf.